Prof. Dr. Elvira Glaser
Neue Reihe: Spurensuche
In unserer neuen Reihe kommen emeritierte Professorinnen zu Wort, die in den 90er Jahren berufen wurden. Was hat sich im Vergleich zur Vorgängerinnen-Generation geändert? Haben sich die Bedingungen für Frauen verbessert? Wir wollen diesen Fragen ein Stück näherkommen.
von Marita Fuchs
Was ist der Unterschied zwischen einer Hambizgi und einer Umbeisse? Elvira Glaser, Professorin für Germanische Philologie an der UZH, hat die Dialektsyntax des Schweizerdeutschen erforscht; den Universitären Forschungsschwerpunkt «Sprache und Raum» mitgeleitet, und – sie kennt die geheimen Notizen mittelalterlicher Mönche.
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Prof. Dr. Elvira Glaser berichtet im Interview, wie sie ihre wissenschaftliche Karriere erlebt hat.
Frau Glaser, Sie sprechen Englisch, Französisch, Italienisch, Albanisch, Russisch, Deutsch und Schweizerdeutsch; auch auf Niederländisch, Serbisch, Kroatisch und Spanisch können Sie sich verständigen. Fühlen Sie sich wohler in der Welt, wenn Sie so viele Sprachen beherrschen?
Für mich ist das so. Ich wollte nie in Länder reisen, deren Sprache ich nicht verstand. Mir ist es wichtig, mit den Menschen vor Ort zu sprechen und sie auch zu verstehen.
Aber nicht lebende Sprachen, sondern das Frühneuhochdeutsche wurde zu Ihrem Fachgebiet.
Nach dem Studium der Slavistik, Geschichte, Albanologie und Germanistik bot man mir eine Stelle in der Mediävistik in Augsburg an. Mein Doktorvater war ein sehr interessanter und auf die Wissenschaft fokussierter Mensch. Er leitete ein Forschungsprojekt zum Frühneuhochdeutschen. Heute kann man das nicht mehr nachvollziehen, aber die frühneuhochdeutsche Grammatik war damals ein ganz neuer Wissenschaftsbereich. Man hat erst in den 70er Jahren angefangen, das Frühneuhochdeutsche zu erforschen, bis dahin lag der Fokus auf Alt- und Mittelhochdeutsch oder der Gegenwartssprache.
Ich schrieb meine Dissertation über «Graphische Studien zum Schreibsprachwandel vom 13. bis 16. Jahrhundert: Vergleich verschiedener Handschriften des Augsburger Stadtbuches». Dieses Stadtbuch ist eine der ältesten deutschsprachigen Rechtsaufzeichnungen aus städtischem Kontext, niedergeschrieben um 1272. Anlass war wohl die Emanzipation des Stadtbürgertums vom Augsburger Bischof als Stadtherrn. Das Stadtbuch enthält Rechtssätze zur Stadtverfassung und verschiedenen Rechtsbereichen. Es ist in zahlreichen Abschriften aus mehreren Jahrhunderten überliefert, die es mir erlaubten, die Sprachentwicklung in Augsburg sozusagen kontrolliert nachzuvollziehen. Ich hatte Glück, das Stadtbuch mit seinen Abschriften entpuppte sich als eine einzigartige Quelle.
Ihr Doktorvater verstarb, als Sie an Ihrer Dissertation arbeiteten, was bedeutete das für Sie als junge Wissenschaftlerin?
Ja, er verstarb plötzlich, mit erst 51 Jahren. Ein Professor aus Bamberg kannte meinen verstorbenen Doktorvater und wusste von meiner Situation. In Bamberg wurde eine Stelle frei, die ich dankbar annahm. Hier begab ich mich jedoch in eine Forschungsumgebung der historischen Sprachwissenschaft, die in den 70er Jahren von Teilen der Germanistik als altmodisch, wenn nicht gar reaktionär angesehen wurde, nicht nur wegen der Beschäftigung mit dem Althochdeutschen, auch wegen persönlicher Animositäten unter den Forschern (Forscherinnen gab es noch kaum in diesem Feld). Ich wurde zunächst in dieselbe Ecke gestellt und punktuell hat sich das sicher auch nachteilig für manche Bewerbungen ausgewirkt.
Trotz dieser Widrigkeiten wurden Sie durch Ihre Forschung über Griffelglossen bekannt. Nicht jeder kennt die sogenannten Griffelglossen, was genau hat Sie daran so interessiert?
Aus den oben genannten Gründen habe ich in Bamberg versucht, mein eigenes Forschungsprofil zu entwickeln. Für meine Habilitation arbeitete ich über bis dahin wenig bekannte Griffelglossen. Das sind volkssprachige Anmerkungen und Übersetzungen, die sich in frühmittelalterlichen lateinischen Handschriften am Rand oder zwischen den Zeilen des Textes befinden und mit einem farblosen Griffel ins Pergament eingeritzt wurden. Da die Texte in Latein waren, war es für die Mönche oftmals eine Herausforderung die Texte sprachlich zu meistern, deshalb nutzten sie die Glossen als Hilfestellung. Der Zweck war so ähnlich, wie man heute Post-it-Zettel benutzt oder Notizen in fremdsprachlichen Texten anbringt. Sie dienen als kleine Anmerkungen oder Erinnerungen. Als Forschende kann man Griffelglossen nur entziffern, wenn man sie mit Lampe und Lupe ganz genau aus verschiedenen Winkeln anschaut. Ich arbeitete mit einer Handschrift als Quelle, die wohl durchgehend von einer Person mit althochdeutschen Glossen versehen wurde.
Was konnten Sie aus dieser Handschrift und deren Glossen herauslesen?
Ich konnte mir im Laufe meiner Arbeit ein Bild von dem Menschen machen, der seine Übersetzungen und Anmerkungen in das Pergament geritzt hat. Er konnte ja nicht ahnen, dass nach etwa 1200 Jahren seine Glossen von mir entziffert wurden! Ich fand es faszinierend, wie dieser Mensch das Latein, das ja eine Fremdsprache für ihn war, bewältigte und wie er sich theologisch und gewissenhaft mit dem Text auseinandersetzte. Es ging um die Auslegung des Buches Hiob von Papst Gregor dem Grossen (590–604).
Die ersten Vorträge, die ich dann damals über meine Griffelglossenforschung gehalten habe, stiessen auf Interesse – aber auch auf Skepsis. Ich musste überzeugend zeigen, dass diese Glossen neue Einblicke in die soziokulturellen Kontexte der frühen Verschriftung des Deutschen geben. Zudem war es mir wichtig, das damalige Althochdeutsch und Sprachwandelprozesse aufzuzeigen.
Sie haben damals auch Ihr Faible für Kochbücher entdeckt.
Ja, das ist ein Steckenpferd von mir geblieben. Ich habe die Kochbücher der Philippine und Sabina Welser aus dem 16. Jh. philologisch-linguistisch untersucht, sie gehören zu den frühesten Frauenkochbüchern. In einem Seminar – das war allerdings schon in meiner Zeit an der UZH – haben wir dann auch einige Rezepte nachgekocht. Ich habe sie aber nicht für meinen täglichen Speiseplan übernommen!
Wie kam es zu dem Ruf an die UZH?
Nach meiner Habilitation habe ich mich an verschiedenen Stellen beworben und erhielt einen Ruf nach Osnabrück und nach Augsburg. Ich habe mich dann für Augsburg entschieden, hatte dort aber kein Ordinariat. Nach kurzer Tätigkeit in Augsburg sah ich die Stellenanzeige der UZH und bewarb mich spontan. Und 1995 übernahm ich an der Universität Zürich den Lehrstuhl für Germanische Philologie. Der damalige Dekan empfing mich mit den Worten: «Wir begrüssen die zehnte Frau in der Fakultät». Damals hatte die Philosophische Fakultät 110 Mitglieder.
Sie wurden also mit offenen Armen empfangen?
Jein. Die Berufungsverhandlungen waren schwierig, ich bekam kein Sekretariat zugesprochen. Und anders als in Deutschland hatte ich keine Sicherheit; es gab zunächst nur einen 6-Jahres-Vertrag. Meine Anfangszeit fiel mit dem Weg der Universität Zürich in die Autonomie und dem Aufbau einer eigenen Verwaltung zusammen. Das bedeutete aber für uns Dozierende und Lehrstuhlinhaber:innen auch Unsicherheit. Mir waren die Entscheidungswege der UZH-Verwaltung zum Teil nicht klar. Diejenigen Lehrstuhlinhaber, die gut vernetzt waren und die Zürcher Verhältnisse gut kannten, hatten es da einfacher. Mir fehlten schriftlich festgelegte Regeln. Aufgrund dieser Ungewissheiten habe ich mich auch nie für das Amt der Dekanin zur Verfügung stellen wollen.
Wie sind Sie zur Dialektforschung gekommen?
Dialekte haben mich schon immer fasziniert. Ich bin mit dem Pfälzer Dialekt aufgewachsen und hier in der Schweiz traf ich auf eine grosse Offenheit Dialekten gegenüber. Dialekte stellen ein hervorragendes linguistisches Laboratorium dar, um Sprache in ihrer stetigen Veränderung zu untersuchen. Ich habe dann mit zahlreichen Doktorierenden und Studierenden die wichtigsten Regeln beim Bilden von schweizerdeutschen Sätzen untersucht sowie schliesslich die zahlreichen Spezialitäten beziehungsweise die vielen friedlich koexistierenden Syntaxvarianten in einer Publikation versammelt und unter dem Titel «Syntaktischer Atlas der deutschen Schweiz» herausgegeben. Zuvor hatte ich im Team mit einer Kollegin der Universität Fribourg den «Kleinen Sprachatlas der deutschen Schweiz» im Jahr 2010 veröffentlicht, der auf dem achtbändigen «Sprachatlas der deutschen Schweiz» (1962–1997) basierte und die schweizerdeutsche Lautung, die Wortformen und den Wortschatz aufzeigt. Mit der Publikation des Syntaxatlas war die Analyse des Schweizerdeutschen vorerst abgeschlossen – auch wenn es noch zahlreiche weitere Besonderheiten zu erforschen gäbe.
Es hört sich nach sehr viel Detailarbeit an, fanden Sie während Ihrer Zeit als Lehrstuhlinhaberin überhaupt Zeit für Musse und Entspannung?
Trotz aller Arbeit hatte ich auch immer eine Leichtigkeit, das Leben anzuschauen. Ich kann mich an kleinen Dingen erfreuen, eine halbe Stunde schwimmen im See, das stärkt und macht mich glücklich. Diese Dinge haben mir geholfen, auch schwere Alltagssituationen durchzustehen. Und ich habe mich immer sehr privilegiert gefühlt, meine Arbeit war ausserordentlich bereichernd.
Sie haben an der UZH zusätzlich zum Sprachatlas ein grosses Forschungsprojekt als Ko-Direktorin geleitet, den Universitären Forschungsschwerpunkt «Sprache und Raum». Was hat Sie motiviert?
Es ist dem UFSP gelungen, die Zusammenarbeit der Linguist:innen an der Universität Zürich zu stärken. Heute wird die Linguistik nicht mehr nur als Bestandteil einzelner Fächer und Institute wahrgenommen, sondern als eigenständige, bereichsübergreifende Disziplin.
Durch die Anwendung neuer Technologien in der Datenerhebung und -verarbeitung sowie die Verbindung von Erkenntnissen der Dialektologie mit der Sprachtypologie und interaktionslinguistischen Forschung erreichte der UFSP ein Alleinstellungsmerkmal. Ich denke, dass wir dadurch ein einzigartiges Profil entwickelt und uns sowohl schweizweit als auch auf europäischer Ebene positioniert haben.
Sie sind seit 2019 Jahren emeritiert. Wie fühlt sich das an?
Ich forsche weiter, auch jetzt noch. Zum Abschluss des UFSP gibt es im November 2024 eine Vernissage zu einem Handbuch über die «Sprachenräume der Schweiz», das ich zusammen mit einem romanistischen Kollegen und einer slavistischen Kollegin, die mittlerweile an die LMU München gewechselt hat, herausgebe. In einem zweiten Band wollen wir dann auch noch Forschungsprojekte vorstellen, die sich mit neuen Methoden und Fragestellungen mit den Sprachen und dem Sprechen in der Schweiz beschäftigt haben. Ich redigiere die Manuskripte im Moment. Das macht Spass. Man lernt dabei viel Neues.